60’000 gegen Europas Regeln

Zwischen 50’000 und 60’000 Migrant*innen haben vom 30. bis 31. Juli 2026 die Grenze zu Ceuta überwunden. Der Grossteil schwamm vom marokkanischem Gebiet aus zur spanischen Exklave. Über 60 Menschen sind beim Versuch ums Leben gekommen. Unter den Angekommenen befinden sich auch mehrere Tausend Minderjährige. 

Die Reaktionen von Seiten der Politik liessen nicht lange auf sich warten. In den alarmierten Statements zeigte sich exemplarisch die rhetorische Umkehr der Machtverhältnisse: Die angekommenen Menschen wurden als «Invasor*innen» und «Angreifer*innen» dargestellt und so zu einer diffusen entmenschlichten Gefahr gemacht. Gleichzeitig wurden Grenzen und die «territoriale Integrität» zu bedrohten Figuren erhoben, die es zu schützen gelte. Die Folge: Anstatt Rettungscrews, Sanitäter*innen, Dolmetscher*innen, oder anderes Hilfspersonal, werden Militär- und Frontex-Einheiten nach Ceuta entsendet.

Ursula von der Leyen liess auf X verlauten: «Wir können niemandem erlauben, in unsere Union zu kommen, ohne sich an unsere Regeln zu halten […] Die Bilder, die aus Ceuta kommen sind inakzeptabel». Nicht also das Sterben auf den Migrationsrouten, nicht die Pushbacks oder die Foltergefängnisse in Libyen, nicht die wirtschaftliche Ausbeutung oder ökologische Zerstörung durch europäisches Kapital sind inakzeptabel, sondern Migrant*innen aus dem «globalen Süden», die sich nicht an die Regeln Europas halten.

Milliardenbeträge opfern europäische Staaten jährlich diesem Fetisch der «Migrationskontrolle». Doch trotz militarisierter Grenzen, Massenüberwachung und brutaler Polizeigewalt findet Migration weiter statt. Die Abschottung treibt lediglich den menschlichen und ökonomischen Preis für Migrant*innen aus dem Globalen Süden in die Höhe. So sind erst vor zwei Wochen erneut ca. 150 Menschen ertrunken, beim Versuch, Europa zu erreichen. Die Mehrheit migriert nicht freiwillig. Bleibefreiheit wurde und wird vielerorts aufgrund von kolonialen Kontinuitäten, imperialistischen Interventionen und fossilem Kapitalismus zerstört. Grenzen sind ein instrumentaler Bestandteil dieser Maschinerie, denn sie schotten den geraubten Wohlstand gegen «aussen» ab und machen ihn selektiv einer privilegierten Minderheit zugänglich. 

Europas Regeln zu brechen bedeutet, diesen Status quo nicht mehr hinzunehmen. Stattdessen gilt es, kollektiv gegen die Institutionen der Kontrolle anzurennen, ihre Mechanismen unterwandern, die Privilegien aufzuheben, die Schranken zu überwinden. Bewegungsfreiheit für alle zu ermöglichen, ist eine Frage von sozialer Gerechtigkeit und einen gemeinsamem Widerstand gegen diejenigen, die uns spalten und unsere Lebensgrundlagen zerstören.